LESEPROBE AUS 'EIN FALL FÜR KARLO'

Armer schwarzer Kater

Meine Eltern meinten, Karlo sei nicht ganz normal. Er würde ja nie aus dem Haus gehen und den ganzen Tag schlafen. Wenn sie ihn einmal zwangsweise vor die Tür setzten, damit er doch bitte auf Mäusejagd gehen würde, blieb Karlo einfach auf der Matte vor der Tür liegen, bis sich ihm wieder die Gelegenheit bot, ins Haus zu schlüpfen. Für ihre Aufforderungen, sich nun doch bitte einmal fortzubewegen, hatte Karlo nur ein schwaches Augenzwinkern übrig. Das gefiel mir.

Christina erzählte mir nun, wie sie Karlo kennengelernt hatte. Sie war tatsächlich schwer krank gewesen. Zur Genesung musste sie für ein paar Wochen in eine Klinik fahren. Sie nannte ihren Aufenthalt dort eine Therapie. Als sie vor ein paar Tagen entlassen wurde und mit ihren Eltern nach Hause kam, lag da plötzlich diese Katze vor der Haustür. Ihre Eltern hatten keine Ahnung, wo die plötzlich herkam. Aber sie hatten auch nichts dagegen gehabt, dass Christina sie mit ins Haus nahm. Karlo ging wie selbstverständlich mit ihr, so als ob er schon immer zur Familie gehört hatte. Sie hatte ihm etwas Milch zu trinken gegeben und ihn mit auf ihr Zimmer genommen. Er störte sie nicht weiter, denn er leistete ihr einfach nur Gesellschaft, indem er sich vor ihr Bett legte und schlummerte. Erst gegen Abend machte er sich bemerkbar und kratzte an ihrer Tür, so dass Christina dachte, dass er wohl wieder gehen wollte. Sie hatte ihn also wieder nach draußen gelassen. Von da an war er jeden Morgen zu ihr gekommen und verbrachte den Tag mit ihr…

Katzenkulturen

Es gibt überlieferte Erzählungen, die der getigerten Katze eine besondere Bedeutung geben. Katzen werden weltweit als Haustiere gehalten und geliebt. Es ist ihnen offensichtlich gleichgültig, ob ihr Herrchen oder Frauchen Christ, Muslime oder sonst irgendetwas ist. Vielleicht gerade wegen ihrer lieblichen und friedlichen Ausstrahlung entstanden sowohl in der christlichen als auch islamischen Kultur Anekdoten über die Struktur auf der Stirn der getigerten Katze, welche dem Buchstaben M ähnelt.
Beide Erzählungen haben jeweils mit dem jeweiligen Religionsstifter, also mit Mohammed und Jesus Christus zu tun. Sie sind der Legende nach jeweils die Ursache dafür, dass diese Katze so gezeichnet ist. Mohammed hat einem Vertreter dieser Katzenrasse einmal die Hand auf die Stirn gelegt und hinterließ mit dieser segnenden Gebärde auf der Stirn das charakteristische M. In der christlichen Welt geht die Legende, dass eine getigerte Katze das Jesuskind einmal in den Schlaf geschnurrt hat. Seine Mutter, die Jungfrau Maria, sei so dankbar darüber gewesen, dass sie diese Katze mit der Hand auf der Stirne gesegnet hat, so dass fortan alle ihre Nachkommen das M auf dieser trugen. Der Anlass für Mohammeds Wundertat ist nicht überliefert, aber man könnte meinen, dass er auch aus Dankbarkeit der getigerten Katze gegenüber gehandelt hat. Wenn also gerade eine Katze solch eine Dankbarkeit verdient hat, könnte doch gerade sie einen Beitrag dazu leisten, dass die zerstrittenen Kulturen sich wieder versöhnen…